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Startseite > Logbuch > 26.06.2014 - Begegnungen in Nairobi
Ich freu mich über die beiden Motorradfahrer, die auf dreckigen Maschinen und mit verstaubten Helmen die Auffahrt herauffahren. Sie sind auf der großen Runde, vor Monaten über Marokko auf der Westafrikaroute gestartet und haben dabei mehr Länder durchquert als sie Finger an den Händen haben. Das sie zusammen reisen ist eher ein Zufall, sie kommen zwar aus der selben Stadt und wussten gegenseitig von ihren Reiseplänen, doch getroffen haben sie sich tatsächlich erst irgendwo auf der Strecke, auf der sie ansonsten monatelang keine weiteren Reisenden getroffen haben. Zu sagen haben sich die beiden nicht viel – einer von beiden ist taubstumm. Das macht mich so fassungslos, dass ich es einfach als Tatsache akzeptiere. Genauso wie den Punkt, dass der andere aus der Konsequenz daraus die Zeichensprache lernte: „Länder, Motorradteile, Frauen – das sind die Themen, bei denen ich mit der Gebärdensprache jetzt mitreden kann.“ sagt Olaf mit schiefen Grinsen. „Bei anderen Dingen hört es dann schnell auf. Kindererziehung zum Beispiel, da weiß ich kein Wort.“ Kurzes Augenzwinkern und tiefer Schluck aus dem offenen Bier: „Mein Kumpel allerdings auch nicht.“

Keine 24 Stunden später kündet der unbändige Sound einer KTM von weiteren Besuch. Zwei-Wochenbart, schwarze Locken, braungebrannt, glitzernde Augen, staubbedeckt von Kopf bis Fuß: Esteban ist ein Vollblutspanier und seit sechs Monaten unterwegs. Auch auf der Westroute und auch er hat nie jemanden gesehen. Die drei können es nicht fassen, monatelang sind sie auf fast identischer Route aneinander vorbei gefahren.

Techno im Goethe-Institut

Wer für einen längeren Zeitraum in Nairobi ist, wird irgendwann anfangen, jedes sich auftuende kulturelle Event mitzunehmen. Auf der Internetseite des Goethe-Instituts sehe ich eine Film-Ankündigung. Eine Dokumentation über das Berlins zur Wendezeit, zu der Zeit, in der hunderte Wohnungen besetzt wurden und sich eine einmalige Techno-Underground-Szene etablierte. Ich sehe mir gerne Dokumentationen an und finde die Vorstellung im tropischen Nairobi einen Film über das Berlin der 90er Jahre anzuschauen so abstrus, dass ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen möchte. Das Auditorium des Instituts ist ein wahrer Botschafter deutscher Schlichtheit. Großer Raum, alles weiß, Metallstreben durchziehen die Leere, ein paar Bilder hängen an Drahtseilen an den Wänden. Mittig ein Beamer, eine Projektionsfläche, ordentlich aufgereihte Plastikstühle. Und ein ziemlich großes Soundsystem. Erstaunlich schnell füllen sich die Sitzreihen mit jungen Kenianern die vom Aussehen her alle besseren und akademischen Schichten entstammen. Und dann geht es los – tiefe, schnelle, exzentrische Beats durchreißen den Raum und begleiten ein wahres Orchester schnell wechselnder Bilder, die Mauer wird abgerissen, Tausende tanzen bei der Loveparade mit und die tiefen dunklen Keller der besetzten Technoschuppen werden gezeigt, in denen die Menge so tobt, das der Schweiß von den Decken tropft und die Boxen schmelzen. Wycliff, der Fahrer der mich von der Jungle Junction hergebracht hat, sitzt neben mir. Während und nach dem Film versuche ich ihm ein paar Fragen zu beantworten, aber es fällt ihm sichtbar schwer, das ganze zu verarbeiten.

Ölrausch in Turkana

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