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Begegnungen in Nairobi

26.06.2014 Weihrauchgeruch hängt schwer in der Luft. Obwohl es Mittagszeit ist, ist das äthiopische Restaurant kaum besucht. Tobias wartet an einem Seitentisch auf mich, kurz vorher hatten wir noch telefoniert, weil er mir eine andere Route zu dem Lokal nennen wollte. „Es gab hier eine Schießerei – vom Schreibtisch aus konnte ich das Mündungsfeuer von AK47 Sturmgewähren hören.“ Tobi ist ein alter Bekannter von mir und mittlerweile Afrikakorrespondent einer großen deutschen Zeitung. Es gehört wohl zu einer der Schattenseiten seines Betätigungsfelds, dass man lernt, Waffentypen anhand ihrer Geräusche zu unterscheiden. Ich bezweifle, dass er diese Horizonterweiterung im Sinn hatte, als er die Stelle annahm. „Es sind ja nicht nur die Anschläge, die die Bevölkerung und die gesamte internationale Gemeinde so verunsichert. Es ist die gesamte Sicherheitssituation. Die Gewaltbereitschaft bei Überfällen ist extrem hoch. Und die Reaktion der Polizei ist inzwischen entsprechend.“ Was nichts anderes heißt, als dass die Finger der Sicherheitskräfte sehr locker auf den Abzügen ihrer Gewehre liegen und diese im Zweifel durchziehen. Im Land trauert niemand, wenn Straßenräuber und allgemein Verdächtige bei ihrer Festnahme ums Leben kommen.

„Nur was heißt das – Verdächtige?“ Seit über 15 Jahren lebt der Äthiopier, mit dem ich mich nach dem Essen am Tor unterhalte, in Kenia. Er arbeitet seit langem in dem Lokal und in Kenia siene neue Heimat gefunden. Kenianische Freunde hat er trotzdem wenige. „Wenn jemand bei einer Polizeikontrolle stirbt, heißt es: der war verdächtig. Niemand fragt dann nach. Doch heißt das auch, dass die Geschichte wahr ist?“ Die Polizei ist allgemein berüchtigt für ihre Schikanen am Straßenrand, die immer offene Hand, die in das Fenster gehalten wird: „Wenn Du zu einer Randgruppe gehörst, ob wie ich aus Äthiopien stammst oder Muslim bist, und nur ein altes Auto fährst, wissen sie, dass Du verwundbar bist, dass Du keine mächtigen Freunde hast. Sie raunen Dir zu: ‚Was soll denn passieren? Ich halt Dich für verdächtig und entweder wir finden hier eine Lösung oder ich nehme Dich mit.‘ Und so zahlt man dann, denn der Richter, zu dem man geführt wird, ist nicht weniger korrupt. Der will nur noch mehr haben.“

Tobias erzählte kurz vor seinem Aufbruch von einem Sicherheitsanalysten, der die Anschläge und Angriffe in Kenia relativierte, in dem er sie denen in Afghanistan entgegensetzte: „Alle Geschehnisse über ein gesamtes Jahr zusammengenommen sind noch immer weniger als das, was an einem Tag in Afghanistan passiert.“ Natürlich hinkt der Vergleich wie ein Veteran, dem ein Bein amputiert wurde. Mir zumindest ist kein Bewohner Nairobis bekannt, der Kabul als ernsthafte Wohnsitz-Alternative ansieht.

Leben kehrt zurück

Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, wie viele Reisende auf dem Weg durch Afrika sind, wie viele Großfahrzeuge, Fahrradfahrer oder Motorräder sich über dreckige Pisten, an Schlaglöchern vorbei durch Schlammlöcher quälen, um am Abend voller Stolz angesichts des Vollbrachten zu sein – oder voller Wehmut an ihr zuhause denken. Die meisten von ihnen stehen irgendwann vor dem Tor der Jungle Junction, auch wenn es schlecht beschriftet ist und die meisten noch die alten GPS Koordinaten haben.

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