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Startseite > Logbuch > 18.05.2014 - "Selbst die würde ich zur Zeit auf mein Gelände lassen"
Auch Frederick, ein Kenianer Mitte bis Ende dreißig, ist von dem Projekt beeindruckt. Er ist der Umwelt-Koordinator der Heinrich-Böll-Stiftung, die der Grünen Partei in Deutschland nahe steht. Die Stiftung hat ein Büro in Nairobi und ist eigentlich für das gesamte Horn von Afrika zuständig. Doch tatsächlich reichen ihre personellen Ressourcen bei weitem nicht aus, um bei allen Umweltthemen der Region am Ball bleiben zu können. Umso mehr freut er sich von mir über den aktuellen Verlauf der Anti-Uranabbaubewegung in Tansania zu hören, mit denen er selber vor zwei Jahren zu tun hatte und ist überrascht, dass Kathy und ich uns auch mit dem Palmölanbau in Uganda und dem Hafenausbau-Projekt auf Lamu beschäftigt haben. Letztgenanntes wird zukünftig eines seiner Schwerpunktthemen sein. Als ich ihm von dem Castor-Widerstand im Wendland erzähle, muss er lachen. Er war auch einmal in Gorleben, zwar nicht während eines Transports, aber dennoch hat er die vielen aus Holz gebauten und gelb angemalten „X“e in Erinnerung, die die Menschen als Zeichen ihres Protests in ihre Gärten und Fenster aufstellen. Ein solch offen zur Schau getragener politischer Protest ist hier nur schwer vorstellbar.

Dafür aber ein ganz anderer. Ich steh mit Marc, einem Bekannten von mir, in einem kleinen indischen Laden wo er Rolltabak kaufen will. Angeblich der einzige Laden, der eine halbwegs erträgliche Marke anbietet; Importware aus Dubai. „Fuck“ mehr sagt er nicht und reicht mir wortlos sein Smartphone, auf dem er einen lokalen Twitter-Kanal abonniert hat. Doppelbombenanschlag in Nairobi – in einem Matatu, einem öffentlichen Kleinbus, der auf Kunden wartete, und auf dem direkt daneben gelegenen Markt wurden in kurzer zeitlicher Abfolge zwei Bomben gezündet. Zwölf Menschen kamen dabei ums Leben, viele weitere wurden verletzt.

Das Perfide an den Attentaten sind deren Ziele. Es geht nicht darum Entscheidungsträger zu treffen, oder wichtige Gebäude zu zerstören. Es geht darum, größtmögliche Angst zu schüren und das Wirtschaftsleben Kenias zu destabilisieren. Dass dabei die einfachsten Menschen getroffen werden, die oftmals auch Somalier sind und täglich von der Hand in den Mund leben, nehmen die Attentäter anscheinend sehr billigend in den Kauf. Tatsächlich haben sie mit der Strategie Erfolg. Nach den Anschlägen erhöhen die britische und die US-amerikanische Regierung ihre Reisewarnungen für Kenia. Das Botschaftspersonal wird zu großen Teilen abgezogen und in den Abendnachrichten sieht man Urlauber, die mit extra angemieteten Chartermaschinen ausgeflogen werden. Für das Land wird jetzt ein sehr hohes Sicherheitsrisiko ausgegeben. Geht man danach, sind Reisen in Länder wie dem Kongo oder Eritrea derzeit sicherer. Womit die Tourismussaison für dieses Jahr wohl beendet wäre.

Abends stehe ich neben Chris, dem Besitzer der Jungle Junction. Er versucht die Situation positiv zu sehen, schließlich sei er schon viele Jahre in dem Land und es gebe immer wieder schlimme Situationen, durch die man dann halt durchmüsse. Ich stimme ihm wohlwollend zu. Im letzten Jahr hatte er mir einmal erzählt, dass er niemals „Overlander“ auf seinem Gelände beherbergen würde. Overlander sind allradtaugliche Busse, in die ein Haufen junger Studenten aus Europa, Amerika oder Australien gestopft werden und die in kürzester Zeit diverse Länder Afrikas besuchen und dabei einen wahren Sightseeing-Marathon absolvieren. Ähnlich wie es früher der Rainbow-Tour-Veranstalter gemacht hat, nur dass anstelle des Eifelturms nun Giraffen treten. „Wenn eine solche Gruppe auf Deinen Platz ankommt“, so sagte er damals „sind alle Deine anderen Kunden am nächsten Tag völlig entnervt. Die machen kein Auge zu – Musik, Alkohol, Party. Die ganze Nacht.“ Daran erinnert probier ich es mit einer positiven Aussage. „Ernsthafte Sorgen mache ich mir erst, wenn hier auf einmal ein Overlander auf dem Platz stehen würde.“ Er guckt mich mit einem schiefen Lächeln an, „selbst die würde ich zur Zeit auf mein Gelände lassen.“

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