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Wahltag

04.03.2013 Um 6:00 Uhr morgens öffneten heute die Wahllokale in ganz Kenia. Bereits Stunden vorher hatten sich lange Schlangen vor diesen gebildet – vor dem Stadion in Nairobi war diese im Morgengrauen mehrere Hundert Meter lang und vielfach in sich selbst verschlungen. Ruhig und geduldig warteten die Menschen dort darauf, ihre Stimme abzugeben.

Das gesamte öffentliche Leben der letzten Tage und Wochen, wenn nicht sogar Monate und Jahre, war auf diesen Tag ausgerichtet. Der Wahlkampf begann letztendlich bereits vor fünf Jahren, als nach gewaltigen Unruhen notgedrungen eine Koalition der beiden größten Parteien gebildet wurde, um das Land wieder zu befrieden. Die Themen der vergangenen Legislaturperiode waren dadurch insbesondere die Verabschiedung einer neuen Verfassung und die Aufarbeitung der Unruhen, zum einen durch landeseigene Kommissionen, andererseits durch den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Dadurch sollte eine Wiederholung der katastrophalen Situation von 2008 verhindert werden, es hatte aber auch den Effekt, dass sich sämtliche Kandidaten sehr früh für die heutige Wahl in Stellung brachten und viele politische Entscheidungen auf die Zeit nach der Wahl vertagt wurden. Ins Fahrwasser dieses Abwartens geriet zusätzlich auch die Geschäftswelt, die seit Wochen ruht. Ob es um den Kauf eines Grundstücks oder der Fertigstellung eines Krankenhauses geht, alle warten die Entwicklungen des heutigen Tages ab.

Von ihren Zielen stehen sich die Parteien nicht weit voneinander entfernt. Gesundheit, Bildung, Arbeitsplätze sind die Versprechen, die sie geben. Die einen setzten dabei auf eine Öffnung hin zum Westen, die anderen auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit China. Was sie trennt, sind insbesondere ihre ethnischen Zugehörigkeiten. Der größte Volksstamm, die Kikuyus, werden durch die TNA vertreten. Aufgrund der historischen Entwicklung sind wesentliche Einkommenszweige von diesem besetzt. Eine Veränderung der politischen Situation würde der etablierten Vetternwirtschaft daher ungelegen kommen. Deren Veränderung ist demgegenüber ein wichtiges Anliegen der Herausforderer um den Kandidaten der ODM, Raila Odinga, herum. Beziehungsweise der benachteiligten Stämme, die von dieser Partei repräsentiert werden. Wahrscheinlich stehen auch aufgrund der engen Verbindung zwischen Stamm und Partei viele Anhänger ihren Kandidaten unkritisch gegenüber. Dass einige von ihnen in einem laufenden Verfahren wegen Volksverhetzung angeklagt sind und über ein massives Privatvermögen verfügen, dass nur schwerlich mit ehrlicher Arbeit angehäuft werden konnte, stört nur wenige.

Aufgrund der neuen Verfassung kann davon ausgegangen werden, dass sich die Situation der Unsicherheit und des Abwartens über die kommenden Wochen fortsetzen wird. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass die heutige Wahl nur eine Vorentscheidung sein wird und bereits in wenigen Wochen erneut an die Urnen gegangen werden muss. Dann wird bei den sogenannten Run-Offs zwischen den beiden stärksten Parteien der heutigen Wahl abgestimmt werden. Um die Regierung stellen zu dürfen, benötigt eine Partei 51 Prozent der Stimmen, die beiden größten liegen aber laut Wahlumfragen bei jeweils circa 44 Prozent, die restlichen Stimmen teilen sich auf eine ganze Reihe von kleinen Gruppen auf. Diese werden dann bei dem zweiten Wahlgang Empfehlungen an ihre Anhänger geben, wen diese wählen sollen. Im Falle einer engen Entscheidung im zweiten Wahlgang wird darüber hinaus die Entscheidung anschließend sehr wahrscheinlich noch einmal vor dem höchsten Gericht verhandelt werden müssen. Resigniert sagen viele, dass sich dies dann über viele Monate hinziehen kann, und hoffen daher auf eine deutliche Wahlentscheidung.

Denn es leidet nicht nur das Geschäftsleben durch jeden neuen Tag ohne Regierung, es steigert auch den Unmut von enttäuschten Wählern. Dass sich dieser Unmut wieder in gewaltigen Gewaltexzessen entladen kann, ist allgemein die größte Sorge der Menschen. Auch diese Sorge hat weitreichende Auswirkungen auf das öffentliche Leben der vergangenen Tage gehabt. Viele Menschen sind in die Heimatregionen ihrer Stammeszugehörigkeit gekehrt, um dort den Verlauf der kommenden Tage abzuwarten oder haben dies am heutigen Tag vor. Gegenden wie Naivasha, aufgrund der vielen dortigen Niedriglohn-Arbeitsplätzte ein Schmelztiegel vieler Stämme, sind merklich ruhiger geworden. Viele Büros bleiben geschlossen und auch der Schulunterricht fällt vielerorts aus. Und in den Einkaufszentren und Geschäften kam es in den vergangenen Tagen zu Hamsterkäufen mit leer gefegten Regalen. Mais- und Weizenmehl wurde teilweise direkt von Paletten verkauft und in riesigen Mengen nach Hause geschleppt.

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