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Ankunft

18.02.2013 Die Ankunft in Nairobi ist ein süßsauerer Geschmack aus Vertrautem und Neugier. Der Flug verlief problemlos und mit einem leichten Schmunzeln fanden wir uns auf dem kenianischen Flughafen zurecht, wussten, dass wir die lange Schlange vor dem Visumsschalter umgehen konnten, indem wir in die angrenzende Empfangshalle wechselten. Hier in Nairobi gilt für uns nun – „same same, but differnt“.

Denn obwohl alles sehr vertraut wirkt und scheinbar weiterhin den gemächlichen afrikanischen Gang der Dinge geht, sprießen gleichzeitig moderne Wohnblöcke mit Hamburger Mietpreisen aus dem Boden, wird das gesamte kenianische Straßennetz rasant ausgebaut, wobei inzwischen sogar abgelegene Dörfer mit asphaltierten Straßen erschlossen werden und soll noch in den kommenden Monaten mit dem Bau eines neuen Tiefseehafens im Nordosten des Landes begonnen werden. Außerdem gibt es Pläne Tausende Hektar kleinbäuerlich genutzter Flächen in riesige Monokulturen umzuwandeln. Bei alldem wird sehr viel Geld verdient, das anschließend von wohlhabenden Kenianern in den großen Shoppingcentren, die in ihrem Standard den europäischen Vergleich nicht scheuen brauchen, ausgegeben wird.

Unklar ist uns dabei, wer alles von dieser Veränderung profitiert und ob die gesteigerten Lebensstandards der Oberschicht sich auch auf die anderen Bevölkerungsgruppen übertragen werden. Kann sich tatsächlich eine prosperierende Mittelschicht herausbilden und kann das Elend der einfachen Bevölkerung, die heute noch zu einem überwiegenden Teil von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag lebt, gelindert werden?

Gestern trafen wir uns mit zwei Medizinstudenten, die sich in dem letzten Jahr ihres Studiums befinden. Sie schauen hoffnungsvoll in die Zukunft und sehen den positiven Effekt – durch die internationalen Investitionen in die Infrastruktur kann sich eine neue Wirtschaft herausbilden, durch den Bau des neuen Hafens die Bedeutung Kenias als internationaler Knotenpunkt gefestigt werden. Hierdurch steigert sich die Chance eines besseren Zugangs zur Grundversorgung, wodurch die Gefahr vieler Krankheiten und Probleme, auf die sie in ihrem Studium vorbereitet werden, gelindert werden. Nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen sind derzeit 30 Prozent der Bevölkerung unterernährt und sterben 128 von 1000 Kindern im Alter bis fünf Jahren eines frühzeitigen und oft vermeidbaren Todes. Die Lebenserwartung liegt in Kenia bei 55,6 Jahren. Für sie sind das mehr nur als bloße Zahlenspiele. Verwundert es da, dass sie sich über den ungebremsten Ausbau freuen und kaum der dabei vernichteten Natur hinterher trauern?

Das andere große Thema vor Ort sind die kommenden Wahlen, die am 4. März stattfinden sollen. Vor fünf Jahren mündeten diese nach dem Aufdecken großer Stimmenmanipulationen in schreckliche Unruhen, die über tausend Menschenleben forderten. Wie es sich diesmal entwickeln wird, wird unterschiedlich vorausgesagt. Einig sind sich alle darin, dass die Unruhen bei der letzten Wahl von einflussreichen Kenianern geschürt wurden. Diese organisierten Hetzkampagnen, die auf bestehende Stammeskonflikte innerhalb der in Kenia lebenden Ethnien abzielten. Von zentraler Bedeutung waren dabei lokale Radiosender, die in ihrem Programm ausschliesslich die lokalen Dialekte benutzten und so die Stammesabgrenzungen vertieften und polarisierten. Diese sind nun angeblich verboten und vielerorts gibt es seit Monaten Kampagnen, die zu einer friedlichen Wahl unter dem Motto „One Nation – One Tribe“ aufrufen. Grund zur Hoffnung auf ein gesellschaftliches Zusammenrücken gibt es zudem durch die landesweite Spendenaktion im Jahre 2011 „Kenyans for Kenyans“. Die große damalige Dürre hatte tausende Menschen zur Binnenflucht veranlasst, da sie auf ihrem Grund keine Nahrung mehr anbauen konnten und ihr Vieh nichts mehr zu fressen fand. Im gesamten Land wurden daraufhin Spendenaktionen organisiert, um die Notleidenden zu unterstützen. Geld konnte in den Supermärkten gespendet, bei Geldautomaten direkt überwiesen oder per SMS geschickt werden. Gleichzeitig war es das beherrschende Thema in allen Radiosendungen, in den Zeitungen und im Fernsehen. Wie viel Geld am Ende tatsächlich so gesammelt wurde, ist uns unklar, wir waren aber beeindruckt von dem solidarischen Gedanken und dem Echo in der Bevölkerung, der hinter dieser ganzen Aktion stand und klar den Wunsch formulierte, die eigenen Probleme selbst in die Hand zu nehmen und nicht der internationalen Politik und Organisationen zu überlassen. Sollte von diesem Gedanken ein Nachhall übrig sein, stehen aus unserer Sicht die Chancen nicht schlecht für eine Wahl mit deutlich weniger Gewalt.

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